Geburt: Ein Mensch erblickt das Licht der Welt


Geburt: Ein Mensch erblickt das Licht der Welt
Geburt: Ein Mensch erblickt das Licht der Welt
 
Die Geburt eines Kindes hat die Menschen schon immer fasziniert: »Die Geburt ist immer ein Wunder«, so hat es Kees Naaktgeboren, ein holländischer Biologe, ausgedrückt. Individuelles neues Leben entsteht aus der Verschmelzung mikroskopisch kleiner elterlicher Anlagen und gelangt als ausgetragenes, mehrere Kilogramm schweres Kind am Ende der Schwangerschaft unter heftigen Wehen durch den engen Geburtskanal ans Licht der Welt.
 
 Probleme für das Geborenwerden
 
Zwei wesentliche biologische Besonderheiten kennzeichnen die menschliche Geburt, die im Vergleich zu Tieren, auch zu den uns so nahe stehenden Menschenaffen, stark erschwert ist: das große Gehirn und das im Verhältnis dazu recht enge Becken.
 
Der große Kopf
 
Offenbar gab es in der Evolution des Menschen keine andere Möglichkeit, als schon die Neugeborenen mit einem großen Gehirn zur Welt kommen zu lassen. Wenn der menschliche Fetus länger im Körper der Mutter ausreifen würde, passte sein Kopf nicht mehr durch den Geburtskanal. Der Ausweg war, Menschenkinder noch recht unreif ans Licht der Welt kommen zu lassen. Der Freiburger Biologe Adolf Portmann hat den Menschen folgerichtig als »physiologische Frühgeburt« bezeichnet, als ein Lebewesen, das zwar zu früh geboren wird, das aber an diesen Zustand angepasst ist.
 
Wir Menschen werden zu einem Zeitpunkt geboren, an dem der kindliche Schädel noch schnell wächst. Wäre unsere Schwangerschaftsdauer länger als neun Monate, würden die Neugeborenen mit ihrem Kopf gar nicht mehr durch den Geburtskanal passen. Die Evolution hat quasi die Notbremse gezogen. Da die Menschen sich im Allgemeinen sehr aufmerksam um ihre Neugeborenen kümmern, wird die körperliche Unreife durch Fürsorge wettgemacht. Die in unserer Spezies besonders lange Abhängigkeit der Kleinkinder und Kinder von den Eltern hat zudem einen großen Vorteil: Sie können so über einen sehr langen Zeitraum all das intensiv aufnehmen, was in ihrer Umgebung geschieht. Sie lernen mehr als andere Lebewesen.
 
Das enge menschliche Becken
 
Der zweite die menschliche Geburt erschwerende Faktor, ist das enge Becken. Warum sind in der Evolution nicht Frauen mit sehr breiten Becken entstanden? Wenn man seinen Lebensunterhalt in der Natur erwerben muss, mit hohem körperlichem Einsatz, unter Zurücklegen langer Wege mit schweren Traglasten, sind breite Hüften unpraktisch. Neben der natürlichen Selektion, die die Lebewesen an die tatsächlichen Gegebenheiten einer bestimmten Umwelt anpasst, spielt in der Evolution die sexuelle Selektion eine wichtige Rolle. Anscheinend haben die paläolithischen Männer eher Frauen mit normalen Körperproportionen bevorzugt.
 
Das im Vergleich zum Kopfdurchmesser des Kindes enge menschliche Becken ist eine Folge der permanenten Zweibeinigkeit, in die sich vor etlichen Millionen Jahren unsere Australopithecinen-Vorfahren in Afrika begeben haben. Den vielen Vorteilen dieser »Erfindung« — die Hände wurden von den Aufgaben der Fortbewegung (außer beim Klettern) befreit — stehen große Nachteile für das Gebären gegenüber. Das knöcherne Becken musste bei den neuen Zweibeinern viel stabiler sein als bei den bewährten Vierbeinermodellen, da es nun das ganze Körpergewicht trug, weil der Schultergürtel für diese Funktion ausfiel. Daher ist unser Becken besonders kräftig und starr konstruiert, damit es alle statischen und dynamischen Drücke beim Stehen, Gehen, Laufen und Springen aushalten kann. Doch nicht nur der knöcherne Anteil des Beckens ist besonders ausgebildet, sondern auch der muskuläre Beckenboden ist dick und straff, da er den gesamten Inhalt der Bauchhöhle tragen muss.
 
Beide Faktoren wurden damit zum zweiten Handikap bei der Geburt. Wir Menschen haben also mit einem im Tierreich einmalig schwierigen Geburtsvorgang für unsere typisch menschlichen Eigenschaften, den aufrechten Gang und das große Gehirn, gezahlt. Für Menschenfrauen sind Geburten daher stets ein bis an die Grenze ihrer physischen und psychischen Möglichkeiten gehender Vorgang. Deshalb ist es auch äußerst wahrscheinlich, dass sie seit Anbeginn der Menschheit mit Hilfestellung geboren haben. Die Hebamme ist also, im Gegensatz zu anders lautenden Formulierungen, der älteste Beruf der Welt.
 
 
Unter den Lebensbedingungen, die über die längste Zeit der menschlichen Geschichte geherrscht haben, war eine besondere Vorbereitung auf die Geburt nicht erforderlich. Durch die tägliche Arbeit waren Frauen körperlich gut trainiert, und auch die Voraussetzungen für die geistige und seelische Vorbereitung waren wohl meist günstig, weil Frauen in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres Lebens sahen. Oft waren sie vermutlich schon als Mädchen oder junge Frauen Zeuginnen der Geburt bei Verwandten, wie es in vielen traditionalen Kulturen der Fall ist. Daher hatten sie eine gute Vorstellung davon, was sie erwartete. Auch die kulturellen Traditionen, die insbesondere von den Hebammen weitergegeben wurden, trugen dazu bei, dass das Gebären erleichtert wurde.
 
In den Industrienationen wurden in den letzten Jahrzehnten eigene Formen der Geburtsvorbereitung entwickelt, die darauf ausgerichtet sind, die körperlichen und seelischen Voraussetzungen für das Gebären so günstig wie möglich zu gestalten. Mittlerweile hat sich eingebürgert, dass viele Partner der Schwangeren an den Kursen teilnehmen und so (etwa bei gemeinsamen Atem- und Pressübungen) ihre Verbundenheit ausdrücken. — Aus kulturhistorischer Sicht ist diese starke Einbeziehung der Männer sehr ungewöhnlich.
 
Evolutionäre Angepasstheit und einfühlsame Betreuung
 
Wie mag die Geburtsbegleiterin zu Urzeiten die Kreißende unterstützt haben? Wie hat sich die Gebärende selbst verhalten? Wie wurde sichergestellt, dass Mutter und Kind möglichst keinen Schaden erlitten? Wir Menschen haben uns, trotz der Errungenschaften der technischen Zivilisation, in unserer körperlichen, geistigen und seelischen Grundausstattung in den letzten Zehntausenden von Jahren nicht verändert. Daher erscheint es sinnvoll, sich jene Weisen des Gebärens zu vergegenwärtigen, die für den längsten Teil der Menschheitsgeschichte typisch waren und daher eine Art Grundmodell der Geburt darstellen.
 
In vielen traditionalen Kulturen und solchen, die noch keine Umstellungen ihrer Geburtsmethoden vorgenommen haben, bevorzugen die Kreißenden vertikale Körperhaltungen: Knien, Sitzen, Stehen, Hocken und der Wechsel zwischen diesen Positionen sind typisch. Die Rückenlage ist sehr ungünstig für die Geburtsmechanik und -physiologie, wurde aber dennoch mit der Entwicklung der modernen Medizin und der Übernahme der bis dahin durch Hebammen geleiteten Geburtshilfe durch Ärzte eingeführt. Die Rückenlage ist für den Geburtshelfer ergonomisch günstiger, weil er seine Untersuchungen und Eingriffe in bequemer Arbeitshaltung ausführen kann. In vielen entwickelten Ländern vollzieht sich derzeit ein Umdenken. Oft haben die Gebärenden die Möglichkeit, jene Position zu wählen, in der sie sich am besten fühlen.
 
Mit dem Einräumen von Wahlmöglichkeiten wird ein wichtiges Prinzip wieder entdeckt. Die biologischen Regelmechanismen, die die normale Geburt steuern, sind das Produkt einer langen Evolution und damit so optimal angepasst, wie es natürliche Systeme meistens sind. Wäre das Gebären mit einer zu hohen Sterblichkeitsrate verbunden gewesen, hätte das das Weiterleben der Frühmenschen gefährdet oder unmöglich gemacht, denn die Geburt ist eine biologische »Flaschenhals-Situation«: Geht dabei etwas schief, stehen gleich zwei Leben auf dem Spiel. Offenbar ist also die anatomische, physiologische, emotionale und kognitive Eignung der Menschenfrauen für das Gebären so perfekt wie andere biologische Systeme auch.
 
Diese evolutionsbiologische Sicht des Gebärens drückt aus, dass die Gebärende selbst durch ihr Verhalten dazu beitragen kann, dass der Geburtsvorgang so unproblematisch wie möglich abläuft. Wenn sie das Gefühl hat, dass es besser ist, herumzugehen, sich hinzusetzen, niederzuhocken, die Knie-Ellenbogen-Position oder einen anderen Vierfüßlerstand einzunehmen oder sich auf die Seite oder den Rücken zu legen, dann sind diese Verhaltensänderungen mit großer Wahrscheinlichkeit für die Geburtsmechanik und -physiologie förderlich. Entscheidend ist, dass die Kreißende möglichst frei unter den verschiedenen Optionen wählen kann.
 
Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Geburt begünstigt, ist natürlich die einfühlsame Betreuung der Gebärenden. In traditionalen Kulturen sind es meist geburtserfahrene Frauen, die die Geburtsleitung übernehmen, entweder die Mütter oder Schwiegermütter der Gebärenden selbst oder Spezialistinnen, denen man besonders vertraut. Diese Frauen betreuen die Kreißende von Beginn der Geburt an, etwa mit dem Einsetzen regelmäßiger Wehen oder dem Platzen der Fruchtblase, bis zur Geburt des Kindes und der Ausstoßung des Mutterkuchens. In unserer Kultur waren ebenfalls lange Zeit eine Hebamme oder weibliche Familienmitglieder für die Entbindung zuständig. Erst seit etwa 250 Jahren sind auch Ärzte bei einer Geburt anwesend.
 
Unter Schmerzen sollst du dein Kind gebären
 
Mit dieser Verwünschung wurden im 1. Buch Moses 3,16 Eva und alle ihre Nachkommen für den ihr zugeschriebenen Sündenfall bestraft. In der Tat ist die Geburt ein schmerzhafter Vorgang. Und das ist biologisch notwendigerweise so. Das Bibelzitat gibt also einen Tatbestand wieder, der zu allen Zeiten Teil des Geburtsgeschehens beim Menschen war.
 
Die Wahrnehmung ihrer Schmerzen beziehungsweise die Belastung ihres eigenen Körpers ist für die Gebärende ein entscheidendes Element, um auf die Vorgänge in ihrem Körper sinnvoll reagieren zu können. Geburtsschmerzen sind also wesentliche Stellglieder in dem Regelkreis, der zu einer normal ablaufenden Geburt führt. Allerdings kann sich bei starken Schmerzen und starker Angst ein Teufelskreis entwickeln, der dann sehr ungünstige Auswirkungen hat.
 
In der Geburtshilfe hat man stets nach Wegen gesucht, die Geburtsschmerzen zu beseitigen oder wenigstens zu reduzieren. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Gebärenden mit Chloroform betäubt, um 1900 war die Anwendung von Kokain in Mode und bereits 1901 wurde die erste Spinalanästhesie durchgeführt. In den letzten Jahren haben sich verschiedene Techniken der Schmerzausschaltung durchgesetzt, bei denen die Gebärende bei vollem Bewusstsein bleibt und nur die Schmerzleitung aus dem betroffenen Gebiet des Unterleibs zum Gehirn (wo der Schmerz überhaupt erst wahrgenommen wird) unterbrochen wird. Beispiele sind die Pudendusanästhesie und die Periduralanästhesie. Bei der Pudendusanästhesie wird der die Schmerzen leitende Nerv durch ein lokal wirkendes Mittel ausgeschaltet. Die Periduralanästhesie wird vor allem bei sehr schmerzhaften Wehen, bei langer Geburtsdauer und bei einem geplanten Kaiserschnitt durchgeführt. Im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule spritzt der Arzt mithilfe eines Katheters ein Betäubungsmittel in den Raum, der die Rückenmarkshäute umgibt. Im Idealfall kann man das Mittel so dosieren, dass die Wehenschmerzen kaum spürbar sind, jedoch das Pressgefühl erhalten bleibt.
 
Damit sich der Muttermund, der sich wesentlich stärker erweitern muss als alle anderen Abschnitte des Geburtskanals, besser dehnen kann, sind krampflösende Mittel (zum Beispiel Buscopan) in Gebrauch. Starke Schmerzmittel wie Dolantin oder Beruhigungsmittel wie Valium werden heute kaum noch eingesetzt. Weiterhin werden homöopathische Mittel gegeben oder die Akupunktur angewendet. Wenn auch davon ausgegangen werden kann, dass bei vielen Gebärenden die biologische Steuerung des Geburtsgeschehens natürlicherweise funktioniert, so ist es doch gut, in manchen Fällen den Teufelskreis Schmerz — Angst — Verspannung — mehr Schmerzen und weitere Verzögerung der Geburt durchbrechen zu können. Die Frage ist, ob routinemäßig geschehen sollte, was im Einzelfall sinnvoll erscheinen kann.
 
Gebären heute: technisch überwacht, sanft oder beides?
 
Wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit, die naturgemäß immer auch eine Geschichte des Gebärens war, konnte die schwangere Frau zwischen so vielen verschiedenen Weisen des Gebärens wählen wie heute in den Industriegesellschaften. Dieser Pluralismus ist entstanden, weil die Frauen selbst, die Hebammen und die Ärzteschaft neue Entwicklungen in Gang gesetzt beziehungsweise auf sie reagiert haben. In den nordamerikanischen und den mitteleuropäischen Ländern wurde das Gebären in diesem Jahrhundert immer mehr in die Krankenhäuser verlegt. »Jede Geburt gehört in die Klinik!«, war ein Standardsatz in der Ausbildung der jungen Ärztinnen und Ärzte. Durch vermehrten technischen Aufwand bei den Geburten sank die geburtsbedingte Sterblichkeit von Kindern und Müttern deutlich ab.
 
Die technische Überwachung machte aber bis zur Entwicklung von drahtlosen Geräten die Rückenlage der Gebärenden notwendig. In Rückenlage geht die Geburt langsamer voran, da die oben erwähnten Selbststeuerungsmechanismen nicht zum Tragen kommen. Außerdem wird der Wehenschmerz stärker empfunden als bei einer vertikalen Körperhaltung. So war die Geburt zwar bestens überwacht, aber länger, schmerzhafter und erschöpfender für die Gebärende, was wiederum die Rate der Geburtsbeschleunigung durch Zange, Saugglocke oder Kaiserschnitt erhöhte.
 
Die Gegenströmung zu dieser stark technisierten Geburtsmedizin begann in den 1970er-Jahren. Der französische Arzt und Philosoph Frédéric Leboyer erhob die Forderung, den Geburtsvorgang für Mutter und Kind so stressfrei wie möglich zu gestalten. Die »sanfte Geburt« hat sich allerdings nur sehr bedingt durchgesetzt. Dass Frauen in nahezu allen Kliniken recht bald nach der Geburt ihr Kind auf den Bauch oder in den Arm gelegt bekommen, ist eine der deutlichsten Auswirkungen von Leboyers Vorstellungen. Wirklich »sanft« kann die Geburt aus den beschriebenen evolutionsbiologischen Gründen nicht sein. Das Gebären eines Kindes erfordert immer die Mobilisierung der physischen und psychischen Leistungsreserven der Frauen.
 
Ein geeigneterer Begriff für das, was Leboyer formulierte, ist »natürliche Geburt«. Im Idealfall einigen sich Schwangere, Hebamme und Ärztin oder Arzt darauf, der biologischen Selbststeuerung der Geburt so viel Raum wie möglich zuzugestehen, das heißt, möglichst wenig von außen einzugreifen und dem Geburtsvorgang Ruhe und Zeit zu geben. Das bedingt bei allen Beteiligten die Überzeugung, dass Frauen grundsätzlich bestens für das Gebären von Kindern ausgestattet sind. Die moderne Geburtsmedizin ist aber vor allem Anwalt des Kindes und bemüht sich, geburtsbedingte Schäden von ihm fern zu halten. Um beiden Zielvorstellungen gerecht zu werden, bedarf es meist des Kompromisses. Die Bedingungen auszuloten, nach Möglichkeit schon vor der »schweren Stunde«, ist Sinn der im Rahmen der Geburtsvorbereitung stattfindenden Gespräche.
 
Heute stehen den Kreißenden in etlichen Kliniken Möglichkeiten zur Verfügung, vertikale Positionen einzunehmen, zum Beispiel der Maia-Hocker oder das Geburtsrad. Die zunächst befürchteten Nachteile des lang anhaltenden Sitzens (zum Beispiel Rückstau des Blutes durch leichtes Abklemmen der Venen und damit Schwellung des Damms) haben sich als nicht schwerwiegend herausgestellt. Vermutlich ist es aber günstig, die Körperposition während der Geburt mehrfach zu verändern. Vertikale Positionen bieten etliche Vorteile gegenüber der Rückenlage:
 
1) Das Atemvolumen der Gebärenden ist größer, weil die schwere Gebärmutter den Brustraum nicht so stark einengt. 2) Der Druck auf den Bauchabschnitt der großen Hohlvene und der Aorta wird vermieden, dadurch ergibt sich eine verbesserte Herz-Kreislauf-Situation — in der Rückenlage kann vor allem die Hohlvene zusammengedrückt werden. 3) Das kindliche Köpfchen kann besser in den Beckeneingang eintreten. 4) Die Schwerkraft kann sich, vor allem in den Wehenpausen, auswirken. 5) Die Sensomotorik unseres Körpers schaltet bei Rückenlage eher auf Passivität, in der Vertikalen eher auf Aktivität. 6) Die Kreißende kann die Bauchpresse, die als Hilfsmuskulatur in der Austreibungsphase besonders wichtig ist, viel besser einsetzen als in der Rückenlage. Besonders effizient wirkt die Bauchpresse, wenn die beiden knöchernen Stabilisationsringe, Beckengürtel und Schultergürtel fixiert sind: Die Gebärende stemmt sich gegen den Fußboden und hält sich am Griff einer Stange, Strebe oder an einem von oben kommenden Tau fest. Das ist eine Gebärposition, die man in vielen Kulturen vorfindet.
 
Seit einiger Zeit findet die Wassergeburt zunehmend Anhänger. Die Kreißende ist bei dieser Methode vor allem entspannter, was sich günstig auf die Geburt auswirkt. Das Neugeborene kann nicht ertrinken, wie man befürchten könnte, da es sich ja auch in der Gebärmutter in einem Flüssigkeitsmedium, dem Fruchtwasser, befindet. Der Tauchreflex, der den Säugling auch in die Lage versetzt, sich tauchend unter Wasser zu bewegen, ohne Wasser einzuatmen, schützt ihn. Ob man die entspannende Wirkung des Liegens in warmem Wasser bis zum Austritt des Kindes ausdehnen oder das Kind, wie es bei anderen Landbewohnern auch der Fall ist, gleich in die Luftatmosphäre gebären sollte, werden zukünftige Erfahrungen zeigen.
 
Beschleunigung der Geburt
 
Probleme während der Geburt betreffen vor allem das Wohlergehen des Kindes. Gefährdungen der Mutter sind viel seltener. Bei befürchteten Komplikationen sollten die Geburtshelfer die Geburt so bald wie möglich beenden, um etwaigen Schaden abzuwenden. Daher wurden in der Geburtshilfe Europas verschiedene Hilfsmittel entwickelt.
 
Die älteste Methode ist das Anwenden von speziell geformten Zangen, mit deren Hilfe man den kindlichen Kopf fassen, im Geburtskanal drehen und nach außen ziehen kann. Heute ist die Anwendung von Zangen bei einer Geburt selten geworden. Sie wurden vor allem durch die Saugglocke abgelöst. Dabei wird ein der Form des kindlichen Kopfes angepasster Saugnapf aufgesetzt, der mittels maschinell erzeugten Unterdrucks so fest haftet, dass man das Kind in die erforderliche Lage drehen und schließlich aus dem Geburtskanal herausziehen kann.
 
Wenn sich Probleme in der letzten Phase des Tiefertretens des kindlichen Kopfes ergeben, wird in vielen Kliniken häufig ein Scheidendammschnitt (eine Episiotomie) durchgeführt. Der Arzt durchtrennt mit einer Schere das Gewebe zwischen Scheide und Damm, um so Platz für den Austritt des Kopfes zu gewinnen und zu verhindern, dass es zu unkontrollierten Rissen kommt. Im Extremfall können Einrisse der Blase und des Enddarms auftreten, die aber bei einer abwartenden, nicht forcierenden Geburtsleitung selten sind. Von den beiden üblichen Schnittrichtungen hat sich ein gerader Schnitt von der hinteren Begrenzung der Scheide Richtung After als der günstigste herausgestellt. Der Schnitt wird nach der Geburt chirurgisch vernäht. Der Nachteil des Dammschnitts besteht vor allem darin, dass die Frau in den Wochen und Monaten nach der Entbindung Schmerzen haben kann und vor allem beim Geschlechtsverkehr beeinträchtigt ist. Während in vielen Kliniken Scheidendammschnitte nahezu routinemäßig ausgeführt werden, warten manche Geburtshelfer eher ab und verzichten oft auf den Schnitt. Es gibt Hinweise darauf, dass kleinere und mittlere Risse (die entlang der Zellgrenzen geschehen) besser heilen als mit der Schere erzeugte glatte Schnitte.
 
Der ausgeprägteste Eingriff in das natürliche Geburtsgeschehen ist der Kaiserschnitt (Sectio caesarea). Dabei werden, meistens in Allgemeinnarkose, zunehmend aber mithilfe der Periduralanästhesie, Schnitte durch die Haut, die Bauchmuskulatur und Bindegewebshüllen, das Bauchfell und die Wand der Gebärmutter geführt, sodass das Kind dann aus den Fruchthüllen genommen werden kann. Derzeit findet eine neue Kaiserschnittmethode Beachtung, bei der der Arzt das Gewebe weniger durchschneidet, sondern so weit wie möglich auseinander dehnt; anschließend verzichtet er darauf, einige der durchtrennten Schichten mit Nähten zu verschließen. Der natürliche Wundheilverlauf erzeugt offenbar sehr gute funktionale Ergebnisse und weniger Schmerzen.
 
In vielen US-amerikanischen Kliniken werden Kaiserschnitte in 30 Prozent aller Fälle durchgeführt. Es ist keinesfalls erwiesen, dass eine so hohe Rate an Kaiserschnitten medizinisch wirklich notwendig ist. In Deutschland liegt sie mit 15 Prozent deutlich niedriger. Bei der Risikoabwägung ist auch zu bedenken, dass der Kaiserschnitt eine Operation darstellt, bei der in 1,5 bis 2 von tausend Fällen die Frau stirbt. Das Risiko einer Gebärenden, bei der Operation zu sterben, ist um ein Vielfaches höher als bei einer normalen Geburt. Allerdings muss man berücksichtigen, dass ohne die Durchführung von Kaiserschnitten einige Kinder die Geburt nicht überleben würden.
 
Klinikgeburt oder Hausgeburt
 
Klinikgeburt und Hausgeburt sind die beiden extremen Pole der Gebärmöglichkeiten. Daher sind die Auseinandersetzungen zwischen den jeweiligen Befürwortern entsprechend scharf. Ein Teil der ärztlichen Geburtshelfer wendet sich vehement gegen die Geburt zu Hause, und es hat sogar Bestrebungen gegeben, solchen Frauen das Sorgerecht für ihre Kinder zu entziehen, weil sie angeblich unfähig seien, die Risiken für das Leben ihrer Nachkommen richtig einzuschätzen. Vollkommen unbestritten ist, dass in einer gut eingerichteten Klinik ernste Gefahren für Kind und Mutter, die bisweilen recht rasch eintreten können, am besten beherrschbar sind. Allerdings zeigen neuere Studien, dass Hausgeburten nicht gefährlicher sind als Geburten in den besten Krankenhäusern, obwohl sich bei manchen Müttern, die in ihren eigenen vier Wänden gebären, schon vor der Geburt gewisse Risiken abzeichneten.
 
Die Hausgeburt hat eine Reihe unbestreitbarer Vorteile. So kann die vertraute eigene Wohnung einen günstigen Einfluss auf den Geburtsvorgang haben, die psychosoziale Einbettung kann ideal sein, die Geburt wird durchgängig von einer Hebamme betreut und es sind in der Regel mehr individuelle Wahlmöglichkeiten gegeben als in einer Klinik. In Holland vervollkommnete man die Hausgeburtshilfe so erfolgreich, dass die Sterblichkeit ebenso niedrig war wie in Ländern mit fast ausschließlicher Klinikgeburtshilfe. Vor etwa 30 Jahren kam jedes zweite holländische Kind unter geschulter Betreuung einer Hebamme zu Hause zur Welt. In den letzten Jahrzehnten hat sich aber auch dort ein klarer Trend zur Klinikgeburt abgezeichnet, sodass nur mehr 30 Prozent der Kinder zu Hause geboren werden. In Deutschland betrug die Rate der Hausgeburten im Jahre 1992 nur 0,8 Prozent.
 
Alternativ zu der Haus- oder der Klinikgeburt können Frauen zunehmend in Geburtshäusern gebären, die eine familiäre, wenig von Technik bestimmte Atmosphäre anstreben, oder sie führen die Geburt zunehmend zwar in Krankenhäusern, aber ambulant durch, das heißt, Mutter und Kind verlassen die Klinik einige Stunden nach der Geburt.
 
Alle Lösungen für die Niederkunft haben Vor- und Nachteile. Den Frauen und ihren Partnern oder Familien wird Gelegenheit gegeben, die ihnen am ehesten gemäße Lösung zu wählen. Da in Deutschland derzeit sehr niedrige Geburtenraten bestehen und die Vertreter der unterschiedlichen geburtshilflichen Lösungen um die Schwangeren konkurrieren, haben Letztere, sozusagen als Verbraucherinnen, ein großes Mitspracherecht.
 
In der Geburtshilfe vollziehen sich ständig kleine und größere Wandlungen. Vieles, was vor einigen Jahren üblich war, wird heute anders gehandhabt. Das gilt beispielsweise für die künstliche Einleitung der Geburt, die heute — anders als noch vor einigen Jahren — nur noch in bestimmten Ausnahmefällen praktiziert wird, etwa bei Übertragung des Kindes.
 
Die Geburt ist heute für Mutter und Kind so sicher wie nie zuvor. Dieser Fortschritt wurde vor allem auch durch die stark angestiegene Überlebensrate für besonders gefährdete Neugeborene (insbesondere sehr kleine Frühgeborene) erreicht. — Eine der zukünftigen Aufgaben der Geburtshilfe wird es sein zu prüfen, ob dasselbe Ausmaß an Sicherheit mit weniger Eingriffen in den natürlichen Gebärvorgang und unter weiterer Berücksichtigung des Wunsches der Frauen nach einer möglichst autarken Geburt erreicht werden kann.
 
Dr. Sabine Schiefenhövel-Barthel und Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel, Eschborn und Andechs
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Säugling und Kind: Die ersten Jahre eines Menschen
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Schwangerschaft: Von der Befruchtung zum Fetus
 
 
Albrecht-Engel, Ines: Wo bringe ich unser Kind zur Welt? Reinbek 1996.
 Kitzinger, Sheila: Geburt ist Frauensache. Aus dem Englischen. München 1993.
 Kitzinger, Sheila: Schwangerschaft und Geburt. Aus dem Englischen. München 91998.
 Kuntner, Liselotte: Die Gebärhaltung der Frau. Schwangerschaft und Geburt aus geschichtlicher, völkerkundlicher und medizinischer Sicht. München 41994.
 Labouvie, Eva: Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte der Geburt. Köln u. a. 1998.
 
Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte, herausgegeben von Jürgen Schlumbohn u. a. München 1998.
 
Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege, herausgegeben von Klemens Stehr und Norbert Lang. Aus dem Amerikanischen. Lizenzausgabe Weyarn 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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